Heinz Schilcher (Pharmakologe)

Heinz Schilcher (* 21. Februar 1930 in Burgheim; † 17. Juni 2015 in Immenstadt im Allgäu) war ein deutscher Apotheker und Hochschullehrer, der sich für das Fachgebiet der Phytotherapie einsetzte. Durch seine Arbeiten trug er dazu bei, dass die Phytotherapie in der wissenschaftlichen Medizin Anerkennung fand. Er gilt als „Vater einer reproduzierbaren Phytopharmaka-Qualität“.

Heinz Schilcher wurde als erstes von insgesamt drei Kindern des Müllermeisters und Mühlenbesitzers Josef Schilcher und dessen Frau Anna, geb. Grünthaner, in Burgheim bei Neuburg geboren. Er besuchte die Grundschule in Bittenbrunn bei Neuburg. 1941 folgte der Besuch der Oberschule für Jungen, später des Descartes-Gymnasiums in Neuburg an der Donau.

Nach Kriegsende gab es für ein Jahr keinen Schulunterricht, in dieser Zeit absolvierte er in der Mühle des Vaters eine Art „Praktikum“. 1950 legte Heinz Schilcher am Descartes-Gymnasium das Abitur ab. Von 1950 bis 1952 folgte ein Praktikum in der Krankenhaus-Apotheke der Barmherzigen Brüder in Neuburg. Während der Praktikantenzeit beschäftigte sich Schilcher u. a. mit der Herstellung von Darreichungsformen für die naturheilkundliche Abteilung des Krankenhauses und absolvierte eine halbjährige medizinische Famulatur, um auch Patienten zu erleben und Arzneimittelwirkungen an ihnen zu studieren.

Von 1952 bis 1956 studierte er Pharmazie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1956 absolvierte er das Staatsexamen der Pharmazie an der LMU München und promovierte bis Mai 1959 bei Ludwig Hörhammer zum Thema Zur Kenntnis der Inhaltsstoffe von Lycopus europaeus L. und Lycopus virginicus L. (Wolfstrappkraut) und deren Wirkungen bei Hyperthyreose am Institut für Pharmazeutische Arzneimittellehre. Im Rahmen dieser Promotion wurde die erste chromatographische Gesamtanalyse des Pflanzenextrakts durchgeführt, bei der auf Flavonoide, Hydroxyzimtsäuren, Gerbstoffe, 4-Hydroxycumarine Aminosäuren, Alkaloide, Ätherische Öle, Polysaccharide und Mineralstoffe (z. B. Fluoride) geprüft wurde. Auch wurde am Institut der erste biologische Test zur Prüfung der Wirkung bzw. Wirksamkeit eingeführt. Der antigonadotrope Effekt wurde an Kaulquappen erforscht. Während der Promotionszeit studierte er zusätzlich vier Semester Medizin.

Nach der Promotion führte Heinz Schilcher im Auftrag von Prof. Hörhammer ein chromatographisch ausgerichtetes phytochemisches Praktikum durch, das weltweit erste phytochemische Studentenpraktikum innerhalb des Pharmazie-Studiums. Früh prägte ihn Rudolf Fritz Weiss, der durch sein Lebenswerk die Pflanzenheilkunde aus einer zunächst reinen Erfahrungsheilkunde zu einer systematischen und damit lehr- und lernbaren Methode führte. Heinz Schilcher setzte diese Entwicklung im Kontakt zu Weiss fort.

1963 trat Heinz Schilcher als Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung sowie Herstellungs- und Kontroll-Leiter in die Firma Salus ein. 1963 bis 1974 entwickelte Schilcher in dieser Funktion 75 Phytopharmaka und führte pharmakologische und klinische Prüfungen an mehr als zwanzig Pflanzenpräparaten durch. 1964 erfolgte die weltweit erste Publikation eines Vorschlages für standardisierte Phytopharmaka (Kamille, Weißdorn, Johanniskraut) anhand von chromatographischen Fingerprints, ergänzt durch physikalische Messparameter. In der Literatur wird Heinz Schilcher seither als „Vater der Phytopharmaka-Standardisierungen“ bezeichnet. 1968–2003 war Heinz Schilcher öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Drogen und Drogenzubereitungen bei den Industrie- und Handelskammern von München, Stuttgart und Berlin.

1973 erfolgte sein erster Ruf als Professor an die Universität Marburg, wo er bis 1977 blieb. Ab 1978 lehrte Heinz Schilcher an der Universität Tübingen und war hauptberuflich Mitglied der Geschäftsleitung der Firma Fink in Herrenberg mit dem Geschäftsbereich Produktion, Entwicklung und Forschung.

1983 folgte Heinz Schilcher dem Ruf an die Freie Universität Berlin als Professor, Dekan des Fachbereiches Pharmazie (1986–1989) und geschäftsführender Direktor des Institutes für Pharmazeutische Biologie, ein Amt, das er bis zu seiner Emeritierung 1995 ausfüllte.

Seit 1995 bekleidete Schilcher die Funktion eines Mitglieds des Vorstandes des wissenschaftlichen Beirates des Zentralverbands der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin e.V. (ZAEN) und des Beirates für die Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren. 2005 wurde Heinz Schilcher zum 1. Vorsitzenden der Sachverständigen-Kommission für Traditionell angewendete Arzneimittel nach § 109a AMG ernannt.

Die interdisziplinäre wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Anbau, der Gewinnung, Lagerung und Verarbeitung von Arznei- und Gewürzpflanzen, der Analytik von Pflanzeninhaltsstoffen und deren Eignung für die Qualitätsprüfung, sowie Standardisierung von Phytopharmaka bis hin zu pharmakologischen bzw. experimentellen und klinischen Studien von Naturstoffen und pflanzlichen Zubereitungen bildete den Schwerpunkt seiner Arbeit und ist in rund 300 Publikationen und 19 Lehr- und Handbüchern (als Autor oder Co-Autor) dokumentiert.

Im Mittelpunkt von Heinz Schilchers Forschungen standen:

Flaggschiff unter den zahlreichen Buchbeiträgen und Büchern ist sein Fachbuch Leitfaden Phytotherapie, das er mit Susanne Kammerer im Urban & Fischer Verlag im Jahre 2000 veröffentlichte. 2010 ist unter der Herausgeberschaft von Schilcher, Kammerer und Wegener die vierte Auflage dieses mittlerweile 1200 Seiten umfassenden Werks erschienen. Dieses Buch bezeichnet Schilcher selbst als sein Lebenswerk. In der Fachwelt wird der Leitfaden als „Bibel“ der Phytotherapie bezeichnet. Dabei war und ist der Hauptzweck seiner Bücher immer der Bezug der Heilpflanze zur Anwendung in der ärztlichen Praxis.

1960 bis 1977 war Heinz Schilcher mit der Apothekerin Renate Schilcher verheiratet, 1961 wurde der Sohn Stefan geboren.

Seit 1982 war er mit der Apothekerin Barbara Schilcher verheiratet, die ihn bei seiner wissenschaftlichen Arbeit unterstützte.

Heinz Schilcher gewann zahlreiche Medaillen und war Bayerischer und Süddeutscher Meister im Wildwasser-Rennsport. Drei Jahre lang war er Mitglied der deutschen Nationalmannschaft. 1956 wurde Schilcher Britischer Wildwassermeister. Dreimal gelang es ihm, das Kanu-Ski-Rennen in Mittenwald (Dammkar) und in Scharnitz (Obere Isar) zu gewinnen, er gewann auch ein Kanu-Skirennen im Allgäu (Schönblick/ Breitach).

Ab 1962 war Schilcher als Sportfunktionär tätig, dabei acht Jahre als Vizepräsident und vier Jahre als Präsident des Bayerischen Kanu-Verbandes. Bei den Olympischen Spielen in München 1972 leitete Schilcher das Wettkampfbüro an der Regattastrecke Oberschleißheim. Als internationaler Kampfrichter wurde er von der International Canoe Federation achtmal bei Kanu-Weltmeisterschaften eingesetzt.

Heinz Schilcher setzte die Bemühungen von Weiss fort, „aus einer Erfahrungsheilkunde mit den Vorstellungen tradierter Heilkunst in vorwiegend ethnomedizinischen Systemen eine systematische und damit für den Arzt und Wissenschaftler lehr- und lernbare Methode zu erarbeiten“. (Bühring)

Schilchers Triebfeder für eine kritische Lehre war in seiner Arbeit über Jahrzehnte die Qualitätskontrolle. Er forderte bereits seit 1964 eine konkrete Standardisierung für Phytopharmaka, definierte die Coeffektoren in Phytopharmaka (1965) und den Begriff der Leitsubstanz (1977). Ab 1971 forderte er in seinen Publikationen den gezielten Anbau für Arzneipflanzen und analytische Untersuchungen zum Ausschluss von Pestiziden und Schwermetallen (1969 und 1971).

Als kritischer Betrachter historischer Entwicklungen der Heilpflanzenlehre wies er seit 1981 auch immer wieder auf die Grenzen therapeutischer Möglichkeiten dieser Pharmaka hin und forderte die Aufstellung von Standards für die Fachdisziplin Phytotherapie in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung. Schilchers Arbeits- und Lebenswerk war es, Ärzten wirksame, sichere und kalkulierbare Pflanzenheilmittel für ihre verantwortungsvolle Tätigkeit in die Hände zu geben.

insgesamt 304 wissenschaftliche Publikationen

Aufsätze

Bücher